Karmel-Impulse

Braucht Glaube Mut? Zur Tapferkeit als Lebenshaltung - Ingeborg Gabriel

Karmeliten in Österreich

Use Left/Right to seek, Home/End to jump to start or end. Hold shift to jump forward or backward.

0:00 | 40:52

Sieht man sich die Bibel und das Leben der Heiligen an, ist die Antwort ein klares JA. In der Glaubenspraxis vieler (oft auch die eigene) scheint der Glaube jedoch eher wie eine zerbrechliche Statue, die man (am
Sonntag) hervorholt, aber sonst auf-bewahrt, damit sie keinen Schaden nimmt. Wie sieht also jener Mut aus, der zum Glauben gehört? Wie verbindet er sich mit anderen Eigenschaften, vor allem der Hoffnung? Es
sind diese Fragen, denen ich im Vortrag allgemein und anhand der Lebensgeschichte von Edith Stein mit euch nachgehen möchte.

Referentin: Prof. Ingeborg Gabriel (Universität Wien)

Support the show

SPEAKER_01

Lass Herr, hilf uns den Glauben zu bewahren. Und ich habe mir gedacht, eigentlich bewahren reicht nicht aus. Es braucht Leben, es braucht mutiges Bekenntnis. Also manchmal ist da kirchlich so eine Einstellung da, die eher auf eine in die Defensive geht. Ich glaube auch, dass es sehr aktuell ist, wenn man sich die Weltnachrichten anschaut. Wir werden in eine situation kommen, in der sich diese Frage wieder mehr stellen wird, als sie das bisher gedacht hat. Und ich möchte daher mit Ihnen oder with euch etwas heute Abend darüber nachdenken, auch ganz informell, wie man an das herangehen kann. Es geht also sowohl um die kirchliche Sheen als auch um die gesellschaftliche Siene. Der Anstoß dazu war zuerst einmal auch ein Satz in der Liturgie, wo sehr häufig von Glauben bewahren die Rede ist. Lass Herr, hilf uns, den Glauben zu bewahren. And ich habe mir gedacht, eigentlich bewahren reicht nicht aus. Es braucht Leben, es braucht mutiges Bekenntnis. Also manchmal ist da kirchlich so eine Einstellung da, die eher in die Defensive geht. Und so ist das Zustand gekommen. Aber es passt auch natürlich sehr gut für die Edith Stein-Gesellschaft Österreichs. Weil wenn ich mir die Person Edith Steins vorstelle, dann haben wir es einerseits mit einer großen intellektuellen und Gottsi-Versucherin zu tun. Das Zitat hier zeigt das wieder. Aber wenn ich es mir ganz persönlich vorstelle, dann war sie vor allem eine mutige Frau. Und zwar gilt das schon vor ihrem Eintritt in die Kirche, schon die Wahl der Philosophie als Beruf and Berufung war außerordentlich in einer gewissen Weise und sehr mutig. Der freiwillige Einsatz im Ersten Weltkrieg im Lazarett war mutig. Das Eintreten für die Emanzipation der Frau nachher auch in politischen Gremien war mutig. Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Taufe, dann aus einer jüdischen Familie heraus in die katholische Kirche einzutreten, war extrem mutig. Philosophie und Theologie zusammenzubringen mit Husserl und Thomas war gleichfalls sehr intellektuell mutig. Habermas hat in seinem großen Buch auch eine Geschichte der Philosophie, die vor fünf Jahren circa erschienen ist, geschrieben, dass diese zwei Philosophie und Theologie gänzlich auseinandergetriftet sind, schon seit dem 14. Jahrhundert. Also hier zu sagen, ja, ich möchte diese Strömungen wieder zusammenbringen, ist mutig. Und mutig ist es auch angesichts verschiedener gescheiterter Hoffnungen, Habilitationen und so weiter, die, die hier sitzen und wahrscheinlich auch die über Zoom, kennen das Leben von Edith Stein vielfach, weiterzumachen, Wege zu finden. Und die letzte Phase ist dann nach dem verordneten Vorlesungsverbot als Jüdin unter dem Hitler-Regime, wieder einen neuen Weg zu suchen, in den Karmel einzutreten, von dort von Köln nach echt zu gehen, schon mit dem Blick auf eine kaum mehr zu bewältigende Situation, die sich dem Martyrium ernährt. Und wir werden, wie in allen christlichen Traditionen, das Martyrium ist der letzte Akt der Tapferkeit und des Mutters. Das alles innerlich und äußerlich durchzutragen, ist, finde ich, ihre eigentliche große Leistung, wenn man die Biografie liest. Und es ist genau das, was die Kirche für Heilige verlangt, nämlich heroisches Tugendstreben. Der Begriff wird da noch einmal konkret. Denn vielfach stellen wir uns ja die Heiligen so vor oder sie werden so vorgestellt, als wäre das eine Roddelbahn nach oben. Das geht so eins nach dem anderen, ohne innere Kämpfe, ohne große Probleme. Sie kennen einfach den Willen Gottes, Schwierigkeiten und harte Entscheidungen werden ausgeblendet, Glaubenszweifel ebenso. Aber das, was Tapferkeit ist und verlangt, ist eben genau diesen Umgang mit den Schwierigkeiten, dieses menschliche Ringen, die Bewältigung von Hürden und Hindernissen um und irre weh. Und da scheint mir Edith Stein ein besonders beeindruckendes Beispiel zu sein, auch angeschichts der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Noch eine weitere Anmerkung: ein Thema, das Edith Stein durch ihre ganzen Schriften hindurch stark beschäftigt hat, ist das die Einmaligkeit der Person. Was ist die einmalige Berufung einer Person, ihres Lebens, ihr Lebensauftrag in seiner ganzen Unvertretbarkeit? Und es ist ja in der Tat beeindruckend, dass jeder, der hier sitzt, einmalig ist. Und jeder, der zuhört, einmalig, und jeder von den 8,3 Milliarden Menschen, die es auf der Erde gibt, einmalig. Ich glaube, sie hat da auch etwas aufgegriffen, ich deute die philosophischen Beziehungen nur an von Heidegger, der sich gegen das Mann gestellt hat und genau diese Einmaligkeit auch betont hat. Aber in einer Weise, die mir ehrlich gesagt, das darf ich auch sagen, weniger. Also es braucht es zu diesem Leben, das einmalige Leben zu leben, eine existenzielle Entschlossenheit. Und ich glaube, dass das auch ein wesentlicher Teil der Karamel-Spiritualität überhaupt ist, wenn man sich die großen Heiligen anschaut. Ein durchgängiges Thema. Die heilige Theresa hat es in ihrem Gedicht, Kiqueres Affaire Demi, was willst du aus mir machen eigentlich dargestellt? Das einmal so als eine Einleitung, obwohl mit der Einleitung eigentlich schon fast alles gesagt ist, weil die wichtigsten Themen sind damit schon behandelt. Aber es ist trotzdem im Folgenden möchte ich einige Denkinpulse geben, sowohl was das Thema Glaube als auch was das Thema Tartbarkeit angeht und auch was das in seiner Konkretheit auf verschiedenen Ebenen bedeuten kann. Auch für jeden Einzelnen dann das durchzuproktieren. Das Thema ist natürlich viel zu breit, aber es geht um Denkenbuse. Es ist nicht uninteressant, sich noch einmal zu verwissern, was ist eigentlich Glaube. Es gibt im Wesentlichen nämlich drei Inhalte, die in unterschiedlicher Weise mit Mut und Tackerkeit verbunden werden können und müssen. Einerseits das persönliche Gottvertrau. Zweitens die Glaubensinhalte. In der Tradition heißt, dass vieles qua und vieles weh. Weh sind die vielen Inhalte, qua ist das Vertrauen auf Gott. Und dann der Glaube als Tugend und als Weh. Wie gesagt, jeder dieser drei Dimensionen entspricht einer eigene Art von Mut und Kapferkeit und sie dürfen auch nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die grundlegende Dimension ist die Personale, sowohl in der Bibel als auch in der Tradition, die innere Ausrichtung hin auf Gott, das durchgehaltene Du, ich bin immer wieder tief berührt von den Karfreitagsliturgien und den Klageliedern des Propheten Jeremia, wo dieses Du noch in den dunklesten Situationen durchgehalten wird. Ich glaube, das ist die große Stärke auch des jüdischen Glaubens, die in das Christentum auch übernommen worden ist. Du umstellst mich wie eine Mauer, du springst mich an wie ein Löwe. Das zeigt aber auch, dass der Gottesglaube, und auch das hat mit Tapferkeit zu tun, nicht harmlos ist. Ungleichst habe ich ein schönes Plakat gesehen, auf dem Stand wollen sie Gott erfahren. Damit wirkt eine ganz anerkannte christliche Organisation. Wenn man da bin ich so sicher, dass ich Gott erfahren will. Also die biblische Botschaft ist da eine andere, wo diese Furcht, dieses faszinierende, aber zugleich unbegreifliche und eben immer auch Furchterregende eine Rolle spielt. Das ist einmal ein erstes. Ein zweites sind dann die Glaubensinhalte. Denn ein Glaube ohne Inhalte, der sich nur auf das Du konzentriert, und wir sind manchmal in dieser Gefahr, nur noch diese personale Dimension zu sehen, wäre in sich leer. Es geht also auch darum, die Inhalte zu begreifen, wie sie zum Beispiel im Glaubensbekenntnis wurden. Wir haben letztes Jahr das 1700-jährige Jubiläum von ECR gefeiert. Ich finde solche Dinge immer außerordentlich spannend, dass das 1700 Jahre bekannt wurde. Und 1700 Jahre wurde darüber nachgedacht, was das eigentlich bedeutet. Eine liebe Freundin hat mich mal gefragt, und du glaubst das ganze Paket? Ich habe gesagt, ja, ich glaube das ganze Paket, obwohl ich nicht alle Teile dieses Pakets noch wirklich ausgepackt habe. Existenziell berührt einen einmal das, einmal etwas anderes. Aber die Aufgabe der Theologie, und das ist eine umfassende Theologie, ist eben das Ganze darzustellen einmal, damit man sich dann verschiedene Dinge herausnehmen kann. Aber auch damit nicht einzelne Glaubensinhalte so übergewichtig werden, dass sie alles andere verdrängen. Ein drittes Glaube ist auch eine, und zwar die erste der sieben Grundtugenden des Christentums. Drei theologische, sie wissen es, Glaube, Hoffnung und Liebe, vier Kardinaltugenden, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß. Jetzt, mich würde ja hier gleich eine Diskussion interessieren, aber wir können sie vielleicht nachher führen. Der Begriff der Tugend ist natürlich etwas sperrig, weil er falsche Assoziationen erweckt. Aber es ist mir bisher kein besserer eingefallen. Schäler hat ihn, ein Zeitgenosse von Edith Stein übrig, hat ihn vor 100 Jahren als eine zahnlose alte Jungfrau bezeichnet und damit auch leider diese sexuelle Fokussierung in den Blick gebracht. An sich meint Tugend aber eigentlich genau das Gegenteil, nämlich eine Stärke auch angesichts von Schwierigkeiten. Das deutsche Wort kommt von etwas taub. Und das geht genau auf diese griechische Ethik, von der das seinen Ausgang nimmt, zurück. Und die stellt ganz praktisch die Frage, wozu taugt ein Messer zum Schneiden. Ein gutes Messer schneidet gut. Wozu taugt ein Pferd? Zum Laufen. Ein gutes Pferd läuft gut. Wozu taugt der Mensch? Wozu ist er eigentlich gut? Das taugt. Er ist da. Er ist da, um ein guter Mensch, also ein Tugendhafter Mensch zu sein. Und das wird dann hier ausgefeilt. Zur Tugend gehört in jedem Fall das Training. Es geht um eine wiederholte Aktion im Dienste einer bestimmten Zieles, wie zum Beispiel der Gerechtigkeit oder des Glaubens. Und dieses Training heißt im Griechischen Askese. Also die Askese ist nichts anderes als ein Training. Paulus hat das in seinen Briefen noch, wenn er schreibt, dass das christliche Leben ein Wettlauf ist wie im Stadion. Da haben wir die Athleten Griechenlands vor Augen, die laufen. Und das braucht Disziplin, Selbstbeherrschung und Einsatz. 1 Korinther 9, 24. Und in Galaterbrief 2,2 schreibt er, ich wollte nicht vergeblich laufen, sondern den Siegespreis ein. Das heißt, es geht durchaus auch um einen gewissen Kampf, um eine Konkurrenz in gewisser Weise. Und in 1 Korinther 9, 26 vergleicht er das christliche Leben sogar mit einem Boxkampf. Ich setze nicht planlose Schläge, sondern er setzt sich zielgerichtet und mutig ein. Und im Timotheus-Brief heißt er, ich habe den guten Kampf gekämpft, den Laufpolend. Das wäre eigentlich eine gute Metapher, auch um sie heute zu gebrauchen. Auch um einer gewissen Harmlosigkeit entgegenzuwirken. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, sieht den Weg der menschlichen Person als einen Weg vom Es zum Ich. Aus es soll ich werden. Auch wenn das aus seiner Sicht nie vollkommen gelingt, und diese Sicht würde ich auch teilen, weil der Mensch nie Herr im eigenen Haus wird. Nun geht Freud von der psychisch Krankenperson und thematisiert etwas weniger die Person, die dann eigentlich beweglich ist. Fähig ist, auch Schwierigkeiten auf sich zu nehmen. Und deshalb sieht er die Ethik leider großteils als repressiver. Und die Ethik verlangt genau diese Formung der Person und zwar im Dienste ihrer einmaligen Aufgaben. Ich sage das alles auch, weil mir scheint, dass in unseren Gesprächen und auch in der Verkündigung heute die gnadenhafte Dimension manchmal etwas überbetont wird. Was Bonhoeffer die billige Gnade genannt hat. Gott ist lieb und er schenkt uns seine Gnade und so weiter. Und gerade diese menschliche Dimension, dieses Ringen auf verschiedensten Ebenen dabei, etwas unterzugehen.

SPEAKER_00

Das einmal etwas zum Glauben.

SPEAKER_01

Jetzt einige Überlegungen zu Mut und Tapferkeit. Auch hier gilt es, den Schutt wegzuräumen, der sich über diese Begriffe legt und gelegt hat. Wenn man heute von Tapferkeit hört, ist es meistens irgendwie militärisch konnotiert und daher für uns eigentlich nicht relevant, könnte man sagen. Doch ursprünglich und wenn man sich die Realität anschaut, betrifft es alle Bereiche unseres Lebens. Mir ist eigentlich der lateinische Begriff der Fortitude um vieles lieber, weil er diese Kraft und Stärke, die es braucht, um Schwierigkeiten im Leben durchzustehen, besser bezeichnen. Die größten Schwierigkeiten entstehen dort, wo der Mensch Verwunderung, weil er ein physisches Lebewesen ist. Thomas reflektiert länger drüber, Engel brauchen nicht Tapfer sein, weil sie nicht physisch verwundet werden. Das heißt, bei der Tachbarkeit geht es vor allem um die Angst vor Verwundungen, physischen und psychischen. Und damit letztlich um die Überwindung der Angst vor dem Tod. Denn das ist das letzte und große Übel des Menschen. Man könnte differenzieren, ich habe erst schon kurz mit der Irene gesprochen und wir haben gesagt, dass die Begriffe unterschiedlich verwendet werden können. Also ich würde im Mut eher das aktive Herangehen sehen und in der Tapferkeit eher sozusagen das Ertragen. Und ich finde es sehr spannend, dass in der gesamten Tradition das aktive Vorwärtsgehen, aktiv die Dinge angehen, eine Seite der Tapferkeit ist, aber die noch schwierigere ist, stand zu halten, zu ertragen. Und auch das ist etwas, was in unserer Lebenswelt immer weniger vorkommt. Weil der Eindruck ist, wir müssen eigentlich gar nichts ertragen, wir müssen die Übel abschaffen.

SPEAKER_00

Aber es gibt viele Übel, die sich nicht abschaffen lassen.

SPEAKER_01

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass Tapferkeit mit den anderen Tugenden als eine Einheit gesehen werden muss. Tapferkeit darf sich selbst nicht trauen, formuliert schon der heilige Ambrosius. Und ein moderner Ethiker schreibt, der Begriff der Tapferkeit ist unsinnig, weil man kann auch tapfer sein im Dienste eines Diktators. Stimmt. Das heißt, zur Tapferkeit gehört ganz wesentlich das Ziel. Und das Ziel ist die Gerechtigkeit. Und das Ziel sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Ohne diese Ziele, Bestimmungen, ist die Tapferkeit des Selbstmordattentäters genau dieselbe wie die des Märtyrers. Das ist eine nicht immer so leichte Unterscheidung, aber sie ist ganz wesentlich. Ursprünglich wird jede Tugend auch bestimmt, und auch das ist wichtig, als eine Art Mitte bei Aristotel. Nämlich die Mitte zwischen zu viel und zu wen. Was wäre das zu viel von der Klarkeit?

SPEAKER_00

Tollkühnheit, Vermessenheit. Das Zuwend. Weilheit das Zuwend.

SPEAKER_01

Also wie findet man da eine richtige Einstellung, die zwischen beiden steht? Und das läuft eigentlich über die Erkenntnis der Realität und der eigenen Person.

SPEAKER_00

Manche Leute können mehr ertragen als andere.

SPEAKER_01

Manche können tapferer sein, ohne dass sie den Halt verlieren. Und es verlangt eine Einschätzung der Situation. Was kann eigentlich Gutes bewirken in dieser und jeder Situation? Und das Kringen, das wir sehen, gerade bei Edith Stein, aber auch bei anderen Märtyrern und Heiligen, gerade auch in der Nazi-Zeit, ist immer die Frage, wie viel kann man eigentlich? Was soll man jetzt? Denn das Martyrium ist nie etwas, was man sozusagen neigt. Jetzt gehen wir halt und das ist, je mehr, desto besser auf sich. Also es ist dieser Realitätsbezug, der die dann zum Beispiel nach echt gehen lässt und auch noch um ein Schweizer Visum ansuchen lässt. Sie hat ja bis zum Schluss gekämpft dagegen, nach Auschwitz deportiert zu werden. Und in den altchristlichen Märtyrerakten steht immer, dass diejenigen, die sich vorgedrängt haben zum Martherium, also Tollkün war, es gerade nicht geschafft haben. Also diese Beziehung zur Realität in der klassischen Etherdogentlehre als Klugheit bezeichnet, kann ein gutes Wort auch wiederum. Aber Phronesis, Prudencia, ich habe noch kein ganz passendes gefunden. Ich glaube, es ist Realitätserkenntnis und Demut. Diese zwei Seiten gehören wesentlich dazu. Ich habe mir für diesen Vortrag noch einmal die Summa Theologica des Thomas von Agwin angeschaut, den ganzen Band über Tapferkeit. Und es ist hochinteressant, was er dem noch alles zuordnet, und das möchte ich mit Ihnen jetzt auch kurz teilen.

SPEAKER_00

Zum einen die Geduld.

SPEAKER_01

Geduldig ist für ihn ein Mensch, der seine Seele in Besitz hat. Auch unter Schwierigkeit. Das finde ich eine wunderbare Formulierung. Die eigene Seele im Besitz zu haben. Und zwar mit Heiterkeit und Humor. Heiterkeit und Humor werden gleichfalls der Tapferkeit zugeordnet. Also auch in aussichtslosen Situationen diese Einstellung nicht zu verlieren. Mir ist da eingefallen, das Buch von einem russischen Dissidenten, der vor eineinhalb Jahren, vor etwas über einem Jahr in einem russischen Gefängnis umgekommen ist, Alexei Navalny, der auf diesem Weg auch zu Gott gefunden hat. Und eine Szene, die mich sehr beeindruckt hat, ist wie mein Mitgefangener, der ein bisschen skurril war übrigens, ein kleines Bildchen, so diese sehr billigen russischen heiligen Bildchen gegeben hat. Und er hat gesagt, in diesem Augenblick habe ich begriffen, ich bin nicht allein. And dann sagt er aber, und darum komme ich zum Humor, und warum müssen die das alles in so einer alten, verzopften Schrift drucken? Und aus einem so alten können sie das nicht ein bisschen modernisieren. Die heilige Therese formuliert in ihrem wichtigsten Gebet, Geduld vermag alles.

SPEAKER_00

Und Geduld ist wirklich nicht so ein Irgendwie nur das, sondern die stärkste innere Aktivität, um es eben seine Seele im Besitz zu behalten. Ein zweiter Teil ist der Zorn.

SPEAKER_01

Auch da sieht man bei Thomas, wie er ganz fein unterscheidet, und das fasziniert mich immer wieder, weil wir haben einfach viele dieser Unterscheidungen völlig vergessen, sie sind aber wichtig. Und er stellt die Frage, ist es gut, aus Zorn zu handeln? Und darauf antwortet er, nein, aus Zorn zu handeln ist nicht gut. Aber mit Zorn zu handeln ist gut. Denn der Zorn ermöglicht, gibt dem ganzen Handeln eine viel stärkere Kraft. Protest, Widerstand, Empörung sind also legitim, wo es sich um Übel handelt, die angesprungen werden müssen. Das stellt sich gegen eine gewisse stoische Frömmigkeit und greift auf die ursprüngliche aristotelische Ethik zurück, die viel aktiver ist als die, die sich auch bei uns manchmal durchgesetzt hat. Also ich belasse es jetzt hier einmal, aber es ist eine Fundgrube, zum Beispiel auch über Großzügigkeit, ja, das sage ich doch noch. Also Großzügigkeit ist auch eine Form von Dampferkeit. Es war eine geringere Form, weil das Geld ist weniger wert als das Leben, aber es ist eine Form von Dampferkeit, wenn jemand bereit ist, viel Geld herzugeben. Nun zu verschiedenen Schwierigkeitsgreibern, die offenkundig mit Tapferkeit zu tun haben. Ich glaube, es ist jetzt schon klar geworden, dass sie eigentlich das ganze Leben durchzielt und dass wir auch in den alltäglichen Situationen ein gutes Maß an Tapferkeit brauchen. Die heilige Theresa von Avila hat das auch formuliert, ich behaupte ein unvollkommener Mensch wie ich, habe dazu, den Weg der Vollkommenheit zu gehen, mehr Tapferkeit nötig, als plötzlich Märtyrer zu werden. Das ist sonst. Was?

unknown

Wahnsinn.

SPEAKER_01

Also, wir alle, und es ist gut, das einmal zu beobachten, und es fordert wirklich heraus, sind immer in Gefahr, feig zu sein, uns anzupassen. Denn man, was tut man gerade bewusst oder unbewusst zu verfallen? Wir haben einfach Angst davor, in einer Gruppe uns gegen den Mainstream zu stellen. Kirchlich wie gesellschaftlich. Vielleicht kirchlich sogar noch mehr als Gesellschaft. Das raubt uns den Mut. Die Situation des Petrus im Garten bei der Gefangennahme Jesu ist natürlich schon eine besondere. Aber es ist genau das, was ihm passiert ist. Jemand fragt ihn, kennst du den? Und er will da nicht sich exponieren und sagt, nein, kenne ich eigentlich nicht. Dieses Problem verschärft sich natürlich umso mehr, je totalitärer eine Gesellschaft. Hannah Arendt schreibt einmal, dass die schweren Verbrechen des Totalitarismus nicht möglich gewesen wären, wenn die Menschen mehr Mut gehabt hätten, sich dem Bösen entgegenzusetzen.

SPEAKER_00

Manche haben ihn gehabt.

SPEAKER_01

Und es beeindruckt mich immer wieder, ich habe einen ukrainischen Professor vorigen Monat wieder bei einer Tagung getroffen, der zehn Jahre in Gula gesessen ist, weil er NST International mitgegründet hat in der Sowjetunion noch damals. Und der eine Kollege, ich wäre nicht zu mutig gewesen, hat ihn gefragt, und haben sie da die Hilfe Gottes erfahren? So direkte Fragen stelle ich nicht gern. Und hat er gesagt, ja. Und dann hat er gesagt, während des Gulag oder erst nachher? Also der Heilige Geist und auch das spielt in den Überlegungen eine große Rolle, wirkt. Aber man weiß natürlich nie, wie die Dinge laufen werden. Und das braucht schon ein unglaubliches Maß an Mut. Eine Gewissenserforschung, was die gegenwärtige gesellschaftliche Situation angeht, ist hier durchaus am Platz.

SPEAKER_00

Wo ist unser Mut gefordert? Eine weitere Ebene ist die Tapferkeit auf Gott zuzugeben.

SPEAKER_01

Fortitudo Purgatoria. Die Kraft der Seele nicht vor dem Eintritt in die höhere Welt zurückschrecken zu lassen. Ich finde das einen außerordentlichen Gedanken, der auch für den Karmel ganz zentral ist. Und er trifft mit dem zusammen, dass eben Gott nicht nur lieb und banal und so weiter. Weiterzugehen, nicht zurückzuschrecken. Und wenn man sich das Leben des heiligen Johannes von Kreuz anschaut und wohl auch von Edith Stein, dann sieht man genau das. Je näher nämlich jemand zu dem Licht ist, umso mehr Licht kann er auch geben. Und umso mehr Kraft auch. Auch wieder eine kleine Beobachtung. Vor einigen Wochen war ich in einem Benediktinerkloster und da war ein alter Mönch that gerade mit einer Katze geredet hat auf seinem Grollator, ist ja vorangegangen. Ich habe ihn angeschaut. Ich glaube, ich habe seit sehr langer Zeit oder vielleicht noch nie einen Menschen gesehen, der so viel Licht und Freude ausgestrahlt hat.

SPEAKER_00

Auch das ermutigt andere.

SPEAKER_01

So sind die Verwobenheiten in der Kirche und in der Welt. Und ich sage das ganz bewusst auch, weil gerade, ich glaube, wenn man älter wird oder in Schwierigkeiten ist, hat man immer mehr das Gefühl, was kann ich eigentlich noch beibragen.

SPEAKER_00

Es gibt verschiedenste Beiträge und das war sicherlich ein ganz wesentlicher.

SPEAKER_01

Die aktive Seite des Evangeliums verlangt sehr viel Tapferkeit. Wenn man die Seligpreisungen, und ich habe erst überlegt, mein ganzes Reparat darauf aufzubauen, sich anschaut, dann sieht man, was das verlangt. Nämlich das Böse durch das Gute zu überwinden. Selig, die keine Gewalt anwenden, die Friedfertigen, die nach Gerechtigkeit dürsten, die Schmähungen ertragen können, um des Glaubens willen und so weiter. Und die höchste Ebene der Tapferkeit ist das Martyrium. Sowohl um den Glauben nicht zu verleugnen, als auch um keine Verbrechen zu begehen und anderen zu schaffen oder um ihnen zu nützen. Das 20. Jahrhundert, und das wäre auch ein eigenes Referat, wird vielfach als Jahrhunderter Märtyrer bezeichnet. Das ist also nicht nur eine Sache der Vergangenheit. Ich habe selbst einmal ein Referat gemacht über die russischen Märtyrer, wie da Hunderttausende wirklich ihr Leben verloren haben in der einen oder anderen Form. Durch Brotdirekt, Folter, Hunger und so weiter.

SPEAKER_00

Ja, ich lasse es dabei.

SPEAKER_01

Aber ich finde auch darüber, sich den Mut, den Mut zu haben, darüber einmal nachzudenken und sich das anzuschauen, ist wichtig. Wir gewinnen daraus Glaubensstärke und ich kann ganz persönlich sagen, es braucht Mut, sich denzustellen. Wir schauen da gerne weg. Auch für die gegenwärtigen Märtyrer. Auf die gegenwärtigen Verfolgungen, Menschenrechtsverletzungen gegenüber Christen und so weiter, weil es uns in einer gewissen Weise innerlich betrifft. Ich könnte an der Stelle sein, was sind meine Verpflichtungen? Das heißt, da ist eine gewisse Tendenz in uns, sich diesen Schwierigkeiten schon des Zusehens gar nicht zu stellen, ganz abgesehen von der Situation. Und da gibt es verschiedenste Fälle. Ungst ist mir ein seliger Floribert Magnaci Cositi begegnet, der im Kongo sich weigerte, sich Bestechungsgelder anzunehmen, um verdorbene Lebensmittel ins Land zu lassen, und 2007 ermordet wurde daraufhin. Das sind die realen Situationen. 1923 wurde ja von der katholischen Kirche gesprochen. Ich glaube auch, die Taufformel könnte hier ein Weg sein, um sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Und zwar der erste Teil der Taufformel, ich widersage. Das hat eine etwas eigenartige Formula, dem Teufel und all seinen Versuchungen und so, das klingt irgendwie, als fing uns das alles nicht so direkt und jeden Tag an. Aber wogegen ist eigentlich Widerstand zu leisten? Welches Böse ist durch das Gute zu überwinden? Wo steht die christliche Integrität, wie bei diesem Floribärt auf dem Spiel? Man kann Gott dankbar sein, wenn einem im bisherigen Leben keine Extremsituationen begegnet sind. Aber man soll sich, glaube ich, damit auseinandersetzen, wie wir unsere Persönlichkeit und unseren Lebensstil so entwickeln können, dass wir vielleicht nicht gleich Extremsituationen, aber doch Herausforderungen in diesem Bereich mit entsprechendem Mut begegnen können. Das ist ein hoher Anspruch, gerade in einer Zeit, mir ist Gaudium Space I wieder eingefallen, Gaudium Space Luctor et Angus. In der Welt von heute, Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Beträngten aller Art, sind Hoffnung und Freude, Trauer und Angst der jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihrem Herzen seinen Widerall fällt. Ich glaube, das ist noch immer ein meditierenswerter Satz in einer Gesellschaft, die einerseits postchristlich ist, zum Teil auch postsäkular, wir sind mit verschiedensten Religionen konfrontiert und in der uns aufgetragen ist, einerseits Salz der Erde und andererseits Licht der Welt zu sein. Man könnte sich jetzt noch Gedanken darüber machen, was die Fallen sind, die dem entgegenstehen. Vielleicht können wir es in der Diskussion, ich möchte auch zu lang stellen, noch etwas behandeln, warum das unsere Kirche nämlich nicht so ganz gelingt. Ich war sehr beeindruckt jetzt, und damit möchte ich schließen, mit dem Besuch des Papstes in Algerien. Ich schaue mir das immer gern an, ganz persönlich gesagt, weil man ein Land von seiner positiven Seite erst. Das ist schön, nicht immer nur von den Katastrophen her. Und das zweite war aber dann ein Film, ich kann es sagen, ja hieß Christianity in Algeria, in dem die Bischöfe interviewt wurden, einige Schwestern auch. In Algerien gibt es 9000 Christen, 45 Millionen Menschen. Und ich war tief beeindruckt, wie diese Kirche, winzige Kirche, einen Stil gefunden hat, der dieser Situation entspricht. Nämlich Licht zu sein und auch etwas Salz. Und das mit einer unglaublichen Tapferkeit, weil die Schwierigkeiten sind groß. Eine Schwester, die interviewt wurde, hat gesagt, ja, von uns vier sind zwei erschossen worden vor einigen Jahren schon. In dem Bürgerkrieg auch, ist ja eine sehr brutale Geschichte. Aber wir haben beschlossen, hier zu sein. Wir führen ein Institut für Nachhilfe. Aber wir finden, dass wir hier dieses Zeugnis geben müssen. Das ist also ich würde mir wünschen, wie dies die Frage zu stellen, etwas ausführlicher, wie dieser Glaubensmut bei uns ausschauen soll. Es gab unigst die Nachricht, nur mehr etwas weniger als die Hälfte der Österreicher sind katholische Christen, das sind noch immer an die viereinhalb Millionen Getaufte. Ja, aber trotzdem oft viele engagiert und also, wie sollte dieser Glaubensmut und damit schließlich sich in unserer Gesellschaft ausführen? Was sind die Möglichkeiten? Und die sind ja noch bedächtig im Vergleich zu den 9000 algerischen Christen. All das braucht aber Mut zusammen mit den anderen christlichen Zugänden. Auf allen Ebenen. Und ich meine, man könnte auch das Leben der heiligen Edith Stein etwas aus dieser Perspektive noch einmal reflektieren. Vielen Dank.